Warum Usability wichtiger ist als Design

Bekanntermaßen isst das Auge mit, und zwar bei allem was wir tun. Optische Reize wirken höchst beeinflussend bei jeder Entscheidungsfindung. Von der Wahl des Kleidungsstückes, über die Wohnungseinrichtung bis hin zu der Wahl des Lebenspartners – Alles soll äußerst ansprechend sein, reine Zweckmäßigkeit erhält nur selten den Vorzug.
Gerade bei der Gestaltung von Internetseiten, bieten die gestalterischen Möglichkeiten nahezu unbegrenztes potenzial für die Umsetzung von stilistischen Einfällen. Individuelle Flashintro´s, Videos und Audio-Design machen aus reinen Informationsseiten knallbunte Multimediaportale. Nicht selten allerdings diktiert der Rahmen des Machbaren den Gestaltungswahn. Jeder der schon quälend lange Sekunden damit verbracht hat, auf den Ladebalken einer Flashanimation zu starren, obwohl er doch eigentlich nur einen kurzen Blick in den Veranstaltungskalender werfen wollte, weiß, dass das Design nicht alles ist.
Viel wichtiger für den langfristigen Erfolg einer Seite ist eine hohe Benutzerfreundlichkeit. Übersichtlichkeit, klare Strukturen und eine intuitive Bedienung sind wesentliche Schlüsselfaktoren für den Erfolg eines Online-Projektes.
Keineswegs soll dies heißen, dass Design überflüssig ist. Im Gegenteil. Usability und Design sind eng miteinander verknüpft. So sind beispielsweise Typographie, Schriftgröße und farbliche Gestaltung der Seite extrem wichtige Faktoren für die Benutzerfreundlichkeit einer Seite. Nichts ist unangenehmer für einen User als schwer lesbare Inhalte.
Hellgelbe Schrift vor einem weißen Hintergrund wird nicht von wenigen Webmastern verwendet, und ist ein Beispiel dafür, wie schlechtes Design die Usability einer Seite zerstören kann.

Trotzdem können Seiten mit einem schlechten, antiquierten Design unter dem Gesichtspunkt der Usability extrem gut gemacht sein. Solange das Design einfach nur als überholt wirkt, einfallslos oder gar vollkommen geschmacklos, kann die benutzerorientierte Programmierung ein so scharfes Argument sein, dass es bedenkenlos von jedem User akzeptier wird, einfach weil der erzielte Nutzwert so hoch ist.

Ein Beispiel hierfür ist eine der größten Webradio- und Internet TV Sammlungen im deutschsprachigen Netz, deren Design und Logo sich seit den 90er Jahren nicht nennenswert verändert hat. Der Unique Selling Point ist einfach der Umfang, der in eine so klare Struktur eingebunden ist, dass man sich mit nur wenigen Klicks durch eine globale Multimediasammlung klicken kann, ohne die Orientierung zu verlieren. Einfach, klar und ohne jeden Schnick-Schnack bekommt man das, wonach man sucht.
Ein weiteres Beispiel für anspruchsloses Design, ist eines der größten Online Netzwerke, das durch seine Einfachheit besticht. Dieses gerade bei Akademikern beliebte Netzwerk erfreut sich innerhalb kürzester Zeit enormen Zuwachsraten, weil wirklich jeder mit der Benutzerführung innerhalb von wenigen Minuten umgehen konnte. Anstatt von Flashanimationen, typografischen Meisterwerken und knalligen Farben, dominiert der schlichte weiße Hintergrund das Erscheinungsbild des Netzwerkes, dessen Logo niemals für einen Award nominiert werden wird. Muss es auch nicht. Denn den Gründern ist es gelungen herauszufinden, welche Funktionen die User wirklich brauchen. Und vor allem: Eine Anwedungsoberfläche zu erfinden in der ein absolut problemloser Interaktionsprozess stattfinden kann. Eine Leistung, die über das Schicksal ganzer Marken und Konzerne entscheiden kann. Marketingexperten vermuten, es wäre Nokia niemals gelungen Motorola zu überholen, ohne das benutzerfreundliche Bedienungsmenü, das die finnischen Mobilfunkhersteller detailliert getestet haben.

Aus diesem Grund betreibt der Mobilfunkriese ein eigenes Testcenter, in dem die Testpersonen innerhalb einer möglichst natürlichen Umgebung alles, wirklich alles, mit dem Handy machen dürfen. Ganz egal, ob sie es auf den Boden schmeißen, oder hineinbeißen – Wichtig ist herauszufinden, welche natürlichen, möglicherweise noch gar nicht erdachten, Anforderungen ein Mobilfunkgerät bei dem Interaktionsprozess mit einem Menschen gewachsen sein muss.

Die Software-Ergonomie sollte daher so konzipiert sein, dass man die psychischen Zustände des Anwenders nachvollziehen kann. Gerade Internetnutzer sind häufiger ungeduldiger bei der Suche nach Informationen, als die Nutzer von Printmedien. Heißt im Klartext: Entweder die gesuchte Information wird nach ein bis zwei Klicks gefunden, oder die nächste Quelle wird zurate gezogen.

Aus diesem Grund ist es sehr ratsam, den Fokus auf die Darstellung der Inhalte zu legen, und das Design nur als Gewand zu betrachten, in dem diese Inhalte präsentiert werden. Gerade Internetseiten aus der Generation Web 2.0 neigen dazu, den User mit einem knalligen Auftritt geradezu zu erschlagen. Bunt, abgefahren und teilweise sehr laut, nichts ist schlimmer als ein Audioplayer der automatische startet und sich nicht schließen lässt, versuchen einige dieser Seiten marktschreierisch die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, ohne einen einfachen, klaren Überblick zu bieten. Egal, wie verstaubt und konservativ eine Seite sein mag, sie hat meine Aufmerksamkeit sobald ich eine klare Gliederung finde, und an zentraler Stelle relevante Informationen, die mich interessieren Keineswegs sollte man davon ausgehen, ästhetische Einfallslosigkeit und Frechheiten würden einfach kritiklos hingenommen, und hätten nichts mit dem Gesamterfolg eines Webauftritts zu tun. Im Gegenteil. Gerade ein innovatives Design kann den Bekanntheitsgrad einer Seite rasant steigern. Aber nur wenn die Usability überzeugt, und der Nutzer einen klaren Mehrwert erzielt, kann das Projekt langfristig erfolgreich sein.

 

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